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Kambodscha

Ein Abenteuer vor atemberaubender Kulisse: Mit dem Linienboot von Battambang nach Siem Reap

Noch vor Sonnenaufgang hieven wir unsere Rucksäcke in das wartende Tuk-Tuk.
»Jetty, please« instruieren wir müde den Fahrer und unterdrücken unser Gähnen. Es ist der erste Januar und deutlich zu früh.
»Jetty?«, fragt der Fahrer stirnrunzelnd.
»Boat to Siem Reap«, versuchen wir zu präzisieren und halten ihm unsere Fahrkarten unter die Nase. Der Fahrer zieht die Mundwinkel nach unten und wiegt den Kopf hin und her.
»Ah, jetty!«, meint er plötzlich und strahlt über das ganze Gesicht.

Morgengrauen am Flussufer

Als wir am Fluß ankommen, wartet bereits eine kleine Versammlung an der roh ins Ufer geschlagenen Treppe. Ausländer und Kambodschaner stehen in Grüppchen zusammen. Über ungleiche Stufen in der feuchten Ufererde steigen wir zum Boot hinab. Die wartenden Kambodschaner haben es nicht eilig, die ausländischen Besucher reihen sich dafür um so flinker ein und staksen im Gänsemarsch die improvisierte Treppe hinab.

Der Morgen bricht herein und die ersten Lichtstrahlen tauchen den aufsteigenden Dunst über dem Fluss Sangker in ein diffuses, zerbrechliches Licht

Der Morgen graut, als wir das wackelige Boot betreten und die Rucksäcke auf dem Kabinendach abladen. Das Boot misst zwei auf acht Meter und besteht hauptsächlich aus Kunststoff. Unter Deck nehmen wir Platz auf einer der beiden Sitzbänke, die sich entlang der Fensteröffnungen befinden. Die Fenster sind nicht verglast, aber mit Kunststoffrollos zum Schutz gegen Regen ausgestattet. Der Bootsführer sitzt vorne im Passagierraum, im Heck befindet sich ein Latrinenverschlag – und mehr Platz gibt es auch nicht.

American Idiot

Wir linsen in die Styroporschachteln, die wir im Hotel bekommen haben. Uns blicken Sandwiches und Ananasscheiben entgegen, was wir nur mittelprächtig finden. Viel Zeit haben wir nicht, um über fehlenden Sticky Rice zu jammern. Unsere Aufmerksamkeit wird von einem Herrn mit Segelfliegerkäppi, Anglerweste und Multifunktionshose in Beschlag genommen. Lauthals knödelnd beschallt er sein tumbe Gattin und fuchtelt wild gestikulierend um sich. Allen wird schnell klar, dass wir einen echten American Idiot an Bord haben!

»Hey captain!«, blökt der Amerikaner. »Departure time was half an hour ago!« Die Kambodschaner schauen sich kurz an und beschließen wortlos, ihn zu ignorieren. Er kann ja nichts dafür, dass er ein Idiot ist.

Tonle Sap voraus

Der Bootsführer startet den Motor und bugsiert den Kahn vom Anleger weg in die Mitte des Sangker. Gerade herrscht Trockenzeit in Kambodscha und der Fluss führt wenig Wasser. Entsprechend eng ist die Fahrrinne für das Boot. Der Mann am Ruder starrt wie gebannt auf die im Wasser dümpelnden Markierungen aus alten Plastikflaschen, die ihn vor Untiefen warnen.

Am Ufer lässt sich der normale Pegelstand der Regenzeit erahnen. Büsche und Bäume sind flussabwärts geneigt und hängen ein bis zwei Meter hoch voller Plastikunrat, den sie in den vergangenen Monaten aus den Fluten gefischt haben.

Unmengen von Plastikmüll hängt in den Büschen am Ufer des Sangkers und zeugt vom Wasserstand der Regenzeit

Behördengang auf Kambodschanisch

Kurz nach Battambang verlangsamt der Bootsführer die Fahrt und steuert auf eine Baracke der Wasserbehörde zu, wo bereits ein Mann wartet und ein kleines Päckchen schwenkt. Das Boot gleitet auf die Holzhütte zu. Plötzlich verlieren die Kambodschaner ihre Zurückhaltung und bellen hektisch Kommandos. Doch es ist zu spät: Holz splittert und mit einem dumpfen Aufschlag drückt der Bug die Wand der Baracke ein.

Der American Idiot kann sich kaum halten: Vor Begeisterung über das Missgeschick schlägt er sich auf die Oberschenkel und lacht lauthals los. Bei allen westlichen Passagieren ist Fremdschämen angesagt, für die Kambodschaner scheint der Amerikaner hingegen nicht anwesend zu sein.

Unsere Befürchtung, der Unfall könnte den Fahrplan durchkreuzen, wird schnell zerstreut. In Kambodscha gib es Schlimmeres als ein Boot, das kurzfristig eine Behördenwand durchbrochen hat, und so geht die Fahrt wenige Minuten später auch schon weiter.

Die Hütten sind gewagt an das steile Ufer gebaut. In der Regenzeit steigt der Pegel des Flusses um mehrere Meter!

Das Leben am Fluss

Die letzen Häuser von Battambang gleiten am steilen Ufer vorbei und das Boot arbeitet sich unermüdlich Richtung Tonle Sap vor. Mit jedem Kilometer wird das Ufer flacher. Ging es in Battambang noch etwa fünf Meter in die Höhe, liegt das Ufer eine Stunde später nur noch einen Meter über der Wasseroberfläche.

In den Morgenstunden arbeiten auch Kinder und Jugendliche bereits auf dem Fluss

Auch die Siedlungen am Ufer verändern sich. Die Häuser Battambangs sind Hütten gewichen, die am Rand des Sangkers windschief aus Treibholz gezimmert sind und zum Schutz vor der Witterung mit Plastikplanen verhängt wurden. Die Menschen leben von dem, was Fluss und fruchtbare Erde längs des Ufers hergeben – mehr Spielraum haben sie jedoch nicht.

Zwischen Battambang und den schwimmenden Dörfern des Tonle Saps leben die Flussbewohner in besonders einfachen Verhältnissen

Durchs Gestrüpp

Der Fluss wird breiter und verzweigt sich. Das braune, klar begrenzte Ufer weicht einem unregelmäßigen Saum aus Buschwerk und Schwimmpflanzen. Wir haben das Delta des Sangker erreicht. Es wird beschwerlicher für den Bootsführer, den richtigen Weg zu finden.

Halbe Fahrt voraus: Mutig, wer sein Boot durch die zugewucherten Irrwege des Sangker-Deltas steuert

Ein ums andere Mal steuert der Bootsführer geradewegs auf einen Wall aus Büschen zu und sucht sich einen Durchschlupf, der kaum breiter ist als das Boot selbst. Links und rechts peitschen Äste durch die Fensteröffnungen, während der Steuermann unbeirrt seinen Blick auf den Wasserweg direkt vor dem Boot gerichtet hat – jederzeit bereit, die Schiffsschraube mit einem beherzten Rückwärtsmanöver vor dem wuchernden Wurzelwerk zu schützen.

Den engen Passagen folgen breite Wasserflächen, die fest in der Hand von Fischern mit ihren Hausbooten sind. An riesigen Galgen aus Bambusstämmen senken sie große Netze waagrecht ins flache Wasser um – nach kurzer Wartezeit – mit einem Ruck den Fang abzuschöpfen.

Pause am schwimmenden Kiosk

Nach vier Stunden stoppen wir in einem schwimmenden Dorf. Das Boot macht an einem Kiosk fest und wir nutzen die Gelegenheit, uns umzusehen. Das Dorf besteht aus einer Ansammlung schwimmender Häuser, von denen manche lose mit Stegen verbunden sind. Das ganze Leben findet auf dem Wasser statt. Die Bewohner bewegen sich auf Booten zwischen den Häusern, schwimmenden Gärten und Ställen. Manche staken oder rudern ihr Boot, andere fliegen, von infernalisch knatternden Außenbordmotoren getrieben, über das Wasser.

Ein reisender Händler zieht mit seinem Ladenboot durch die schwimmenden Dörfer des Tonle Sap und Sangker-Deltas

Unser amerikanischer Freund – fast hätten wir ihn vergessen! – nutzt die Gelegenheit, isst Obst und wirft seinen Unrat platschend ins Wasser.

Nach kurzer Rast geht die Fahrt weiter. Immer wieder passieren wir schwimmende Dörfer, in denen das Boot kurz anhält und sowohl Fahrgäste als auch Waren ausgetauscht werden.

Das Leben im schwimmenden Dorf passt sich den Gegebenheiten an: Die Hühner leben im Baum

Der Tonle Sap liegt vor uns

Wir kommen in flachem Schwemmland an. Auf dem Wasser treiben Myriaden von Wasserlilien und verwandeln die Oberfläche in einen grünen Teppich. Vereinzelt stehen Bäume in den Fluten, die Wurzeln komplett unter Wasser verborgen.

Die freien Flächen zwischen den Pflanzen werden größer, das Grün spärlicher. Plötzlich verliert es sich ganz und das Boot gleitet in das offene Wasser des Tonle Sap hinaus. Der Steuermann jagt das Boot Gischt spritzend über den See.

Auf der weiten Seelandschaft kurz vor dem offenen Wasser des Tonle Sap dümpeln Schwimmpflanzen auf der glatten Wasseroberfläche

Nach einer halben Stunde erreicht das Boot das gegenüberliegende Ufer. Büsche und Bäume formen eine grüne Wand aus undurchdringlichem Gestrüpp. Das Boot steuert auf einen schmalen Spalt im Dickicht zu und quetscht sich durch das knackende Unterholz. Wir sind beschäftigt, uns vor den ins Boot peitschenden Ästen zu schützen. So schnell der Spuk begonnen hat, ist er auch schon wieder vorbei und wir sind in einer anderen Welt!

Der Wald unter Wasser

Das offene Wasser scheint vergessen, vor uns liegt eine überflutete Landschaft, die sich bis zum Horizont erstreckt. Durch enge und kaum erkennbare Fahrwasser pflügt sich das Boot durch einen Wald, dessen Bäume von Wasser umspült werden. Die Schwimmpflanzen sind Gräsern und Büschen gewichen, deren Füße in den Fluten verschwinden.

Jetzt wird es eng: Gegenverkehr im Schwemmland des Siem Reap Flusses

Ohne Ankündigung taucht Siem Reap vor uns auf. Das Schwemmland formt sich unversehens zum Fluss, an dessen Ufern städtisches Leben tobt. Nach neun Stunden laufen wir in Siem Reap ein, wo bereits ein Fahrer wartet, um uns ins Hotel zu bringen.

Unsere Bewertung

Die Fahrt mit dem Boot von Battambang nach Siem Reap ist ein grandioses Erlebnis. Vor einer fesselnden Naturkulisse entfaltet sich ein prächtiger Bilderbogen aus dem Leben der kambodschanischen Flussmenschen in ihren schwimmenden Dörfern.

Auf der Landkarte

  1. Bootsanleger Battambang

  2. Bootsanleger Siem Reap

Tipps und Erfahrungen

  • Es gibt einen Grund, warum die Einheimischen lieber auf als unter dem Dach sitzen: Die Aussicht ist atemberaubend. Allerdings sollte man Sonnenhut und Sonnencreme auf keinen Fall vergessen, da der Fahrtwind trügerisch ist.
  • Auch wenn es sich um ein öffentliches Linienboot handelt, wird man als ausländischer Besucher nicht in den Genuss eines preiswerten Tickets kommen. Für Touristen schlagen die Kosten für die Bootsfahrt von Battambang nach Siem Reap mit knapp unter 20 Dollar pro Person zu Buche.

Kommentare zu diesem Artikel

Bibo & Tanja von Auszeitnomaden schrieb am

Hallo Darius und Wong,

ein sehr geil geschriebener Artikel, der für uns gerade richtig kommt!
Danke dafür.
Dann werden wir die Tour im November mal in der anderen Richtung machen!
Die Aussicht scheint ja atemberaubend zu sein !

Liebe Grüße Bibo & Tanja

PS: Wir werden mal ein bißchen weiterstöbern auf eurem Blog ;-)

Hallo Bibo und Tanja, vielen Dank für euer Lob! Und viel Spaß in Kambodscha; die Bootsfahrt von Battambang nach Siem Reap war eines der großartigsten Erlebnisse dort. Flußabwärts ist in diesem Fall die richtige Richtung ;)

Wir freuen uns über deinen Kommentar zu unserem Artikel

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