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Kambodscha

Disneyland Cambodia: Der Bamboo Train

Unser Tuk-Tuk holpert über eine rote Staubpiste. Wir sind auf dem Weg zur jüngsten Attraktion Battambangs, dem Bamboo Train. Die improvisierte Draisinenbahn zeugt vom Erfindungsreichtum der Kambodschaner und erfreut sich mittlerweile großer Beliebtheit bei ausländischen Besuchern. Dennoch scheinen die Tage des eigenwilligen Transportmittels gezählt, da die halblegal genutzten Bahngleise bald modernisiert und wieder in Betrieb genommen werden sollen.

Die Kolonial-Eisenbahn

Den einstigen Kolonialherren Kambodschas lag die Erschließung des Landes am Herzen. Battambang war früher eine mehrtägige, beschwerliche Reise von Phnom Penh entfernt. Das Straßennetz war schlecht ausgebaut und bestand aus einem Flickwerk von Schlaglochpisten. Eine Reise über Tonle Sap und Sangkar war ebenfalls langwierig. Die Besatzer suchten eine Alternative und beschlossen den Bau einer Eisenbahnlinie von Phnom Penh über Battambang nach Sisophon.

Jahrzehnte später wussten die Kambodschaner die Gleise anders zu nutzen. Aus zwei grob geschweißten Achsen, einem knatternden Benzinmotor und einer anderthalb mal zwei Meter großen Plattform aus Bambusholz bauten sie einfache Draisinen, mit denen bis heute Mensch und Material transportiert werden. Schnell entwickelte sich die »Norry« genannte Draisinenbahn zum Hauptverkehrsmittel entlang der Bahnstrecke.

Ein Bamboo Train besteht aus zwei Achsen, einem kleinen Motor und einer Bambusplattform

Über die Jahre wurden immer mehr ausländische Besucher auf die improvisierte Kleinbahn aufmerksam. Abgeleitet von den Plattformen aus Bambus bürgerte sich der Namen »Bamboo Train« ein und die Draisinen wurden zu einer der Hauptattraktionen von Battambang.

Unter polizeilicher Aufsicht

Wir sind mittlerweile an einer Art Bahnhof angekommen, an dem einige Tuk-Tuks und ein kleiner Reisebus warten. Auf dem Gleisstück stehen ein halbes Dutzend Draisinen des Bamboo Trains wie auf einer Perlenkette aufgereiht. Ein Polizist verkauft Fahrkarten und schießt bei Bedarf Fotos der Fahrgäste.

Die Vermarktung des Bamboo Trains ist professionell: Die örtliche Touristenpolizei hat sich den Gleisabschnitt reserviert, um dort Fahrten für Touristen zu veranstalten. Kommt die Frage nach den Norrys auf, liefern die Tuk-Tuk-Fahrer ihre Passagiere hier ab.

Bamboo Train Ride

Jede Draisine fasst zwei bis vier Personen plus einen Fahrer. Die Abfahrt erfolgt in kurzen Abständen, sodass zwischen den einzelnen Bamboo Trains einige hundert Meter liegen. Die Abfertigung erinnert an ein Fahrgeschäft im Disneyland.

Über einen Seilzugstarter wirft unser Fahrer den Motor an und die Draisine gewinnt schnell an Fahrt. Zwischen zwei penibel gestutzten Hecken führt der Gleisstrang geradewegs ins Land. Doch die Metallprofile sind verzogen und nur lose miteinander verschraubt. Zwischen den Gleisstücken klaffen daumendicke Lücken. Entsprechend ohrenbetäubend gestaltet sich die Fahrt mit dem Bamboo Train: Zu den nicht gerade leisen Rollgeräuschen und dem Lärm des Motors gesellen sich laute Schläge, wann immer die Achsen eine der zahlreichen Schadstellen passieren.

Ungeschriebene Gesetze

Unser Draisinenfahrer verlangsamt das Tempo. Ein anderer Bamboo Train kommt uns entgegen. Das ungeschriebene Gesetz der Schienenbenutzer lautet, dass die leichter beladene Norry der schwereren Platz macht. Auf der Touristenstrecke machen die hinfahrenden Draisinen den zurückkehrenden Platz.

Wir steigen also ab und der Fahrer packt den Motor mit einem beherzten Griff ins Gras neben dem Gleis, befördert die Bambusplattform direkt daneben und hievt die beiden massiven Eisenachsen mit einem dumpfen »Plong« hinterher.

Auf seinem demontierten Bamboo Train wartet der Fahrer darauf, dass der Gegenverkehr passiert

Gleich drei Draisinen passieren die Einzelteile unseres Bamboo Trains. Eine koreanische Reisegruppe rumpelt vorbei, deren Frauen uns begeistert zuwinken. Wir grüßen zurück und schauen in strahlende Gesichter. Unser Fahrer hingegen ignoriert das Spektakel: Teilnahmslos hockt er im Gras und qualmt seine Zigarette fertig, bevor er die Achsen wieder auf den Schienen platziert und Plattform samt Motor montiert.

Endstation und retour

Wir erreichen mit einer kleinen Siedlung die Endstation der Fahrt. Kaum stehen wir auf dem Bahnsteig, versammeln sich fliegende Händler um uns. Unser Fahrer gibt uns noch zu verstehen, dass es in 15 Minuten retour geht, und überlässt uns unserem Schicksal. Zum Glück lässt das Interesse der Händler schnell nach, da Augenblicke später ein weiterer Bamboo Train mit einem amerikanischen Ehepaar an Bord eintrifft, das offensichtlich als kauflustiger eingestuft wird.

Eine Viertelstunde und etwa hundert »No, thank you« später nehmen wir wieder Platz auf der Bambusplattform und treten die Rückfahrt an. Auf halber Strecke steht ein Grüppchen neben ihrem zerlegten Bamboo Train und winkt lachend. Die Disney-Manager wären stolz.

Unsere Bewertung

Auch wenn der Charme der Improvisation nur noch im Ansatz zu spüren ist und die Fahrt mit dem Bamboo Train keine wirkliche Begegnung mit der Landbevölkerung bietet, ist die Draisinenfahrt ein Spektakel.

Auf der Landkarte

  1. Bamboo Train

Tipps und Erfahrungen

Die Fahrt kostet fünf Dollar pro Person und dauert etwa eine Stunde.

Kommentare zu diesem Artikel

Gerhard auf Schienenreisen schrieb am

Totgeglaubte leben doch länger als man denkt. ;-) Ich freue mich, dass die Bamboo-Trains nach wie vor durch Kambodscha rattern. Nach meinem Besuch am Bahnhof in Phnom Penh bei der Betreibergesellschaft Toll Railway war schnell klar, dass die im Internet herumgeisternden Ausbaupläne des Schienennetzes noch längere Zeit nur auf dem Papier existieren werden.

Das mit der "Reise unter Polizeiaufsicht" ist mir allerdings neu - das hatte ich 2011 so nicht erlebt.

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